Der parkierte Bus wackelt pausenlos. Verantwortlich dafür ist eine Horde neugieriger Menschen. Sie ergründen am Freitagnachmittag das Innere des Migros-Busses, der vor der Filiale in Fällanden steht und mit «Merci» angeschrieben ist.
Der Grossverteiler tourt bis Herbst mit einem Verkaufswagen aus den 80er Jahren durch die Schweiz und macht halt in mehreren Gemeinden. Schon 20 Minuten vor der eigentlichen Ladenöffnungszeit um 16 Uhr hat eine grosse Menschenschar das Fahrzeug in Beschlag genommen.
Öffnungszeit? «Der Migros-Bus hatte die ja nie», wundert sich eine Frau mit Kind im Arm und drei weiteren um sie herum. «Wenn er da war, war er da.» Die Frau steht wie die anderen seit geraumer Zeit in der langen Warteschlange, um in den Bus zu kommen.
Weniger geduldig ist ein älteres Pärchen. «Willst du da rein?», fragt er, worauf sie erwidert: «Nein, ich war früher oft genug drin.» Die beiden quetschen sich an der Schlange vorbei zum Eingang der Migros, der sich wenige Meter daneben befindet. «Ui, was für ein Wirbel», sagt ein Herr zu seiner Begleiterin.
Wer steht länger an?
Die wartende Menge muss an einem grossen Mann mit Sonnenbrille vorbei, der neben der Ausgangstüre des Busses steht. «Sind Sie der Sicherheitsmann?», fragt einer. «Nee, ich bin der Chauffeur», sagt der Deutsche mit grauem Bärtchen. Ein Kunde weiss: «In Zumikon sind sie heute Morgen bis zu einer Stunde angestanden.» Ein anderer sagt, er habe gehört, dass es sogar drei Stunden gewesen seien.

Derweil tanzen beim Anstehen immer wieder ein paar Kinder aus der Reihe, die sich an einem Migros-Foodtruck gratis Kuchen und etwas zu trinken holen. «Mami, ich will nicht mehr in den Bus. Ich habe keine Lust mehr auf Eistee», sagt ein Dreikäsehoch mit Fahrradhelm auf dem Kopf.
Im Verkaufswagen verschenkt der Grossverteiler seinen eigens produzierten Ice-Tea, weil der offenbar in der Fällander Filiale ein Verkaufsschlager ist. In anderen Gemeinden gibts Käse, Schokolade oder Olma-Bratwurst. Wie viel Ice Tea in Fällanden verkauft wird, verrät die Migros auf Anfrage jedoch nicht.
Langweilige Grundnahrungsmittel
Die Schlange schlängelt sich um das Hinterteil des Mercedes-Busses, wo die kleine Treppe hineinführt. Ein Jugendlicher jongliert im engen Gang mit Hörnli-Packungen, die er aus dem Regal gefischt hat. Darüber gibts Salz, Zucker und Mehl, daneben Kaffee, dem gegenüber Bananen, Brot und Trockenfleisch. 100 Eigenmarken sollen laut der Migros an Bord sein.
Selbstverständlich löst das Grundangebot an langweiligen Nahrungsmitteln bei der jüngeren Kundschaft keine Begeisterungsstürme aus. Ein Kleinkind auf den Armen einer Mutter will gleich wieder «use!!». Die Frau kann ihre Tochter aber zum Bleiben überreden: «Komm, ich zeig dir, wie das Grosi mit dem Mami früher eingekauft hat.»
Derweil drückt ein Elternpaar seinem Nachwuchs ein Betrachtungsgerät mit Schwarz-weiss-Bilderserien der ersten Migros-Verkaufswagen in die Hand. «Das Video spielt nicht ab», meint der Bub, während er durch das Plastikgerät schaut. Sein Vater hilft ihm: «Schatz, weisch, das ist keine VR-Brille.»
Kassiererin, die keine ist
Nur wenige Kunden haben sich ein oranges Einkaufskörbchen geschnappt. Anders eine junge Mutter, die nun damit beschäftigt ist, mehrere Tafeln Schokolade wieder ins Regal zu stellen, die ihre Tochter ins Körbchen gelegt hat. «Spätzchen, wir gehen nachher noch in die Migros, um richtig einzukaufen.»
Später darf das Töchterchen immerhin drei Eistees einpacken; einen für den Papi zu Hause. Die Migros-Mitarbeiterin, die bereits zum x-ten Mal die Truhe wieder mit den Gratis-Getränken auffüllt, lässt sie mit einem Augenzwinkern gewähren.

Die Kassiererin in der Führerkabine bedient eine Kasse aus den 80er Jahren. Ein bisschen erschrocken ob der piepsenden Töne, die das Gerät von sich gibt, will ein Kunde seine Bankkarte wieder einstecken. Doch kein Problem, ein Kartenleser aus der Neuzeit steht auch parat.
Die junge Frau an der Kasse ist zu allen sehr freundlich und beantwortet an ihrem engen Arbeitsplatz auch die Frage eines besonders neugierigen Kunden. «Ich bin eigentlich gar keine Kassiererin, sondern spring nur ein», sagt sie und lächelt. «Deshalb dauert es auch so lange.» Sie versucht noch schnell ihr wahres Anstellungsverhältnis beim Orangen Riesen zu nennen, doch das geht beim Geschrei einiger Winzlinge unter, die mit Eistees aus dem Bus rennen.