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Sandro Zinggeler posiert in seinem Studio.

Sandro Zinggeler produziert in seinem Studio in Dübendorf Inhalte für seine Social-Media-Kanäle. Foto: Fiorella Koch

Studio im Dübendorfer Zwicky-Areal

Früher Spitzenkoch, heute Influencer

Der ehemalige Spitzenkoch Sandro Zinggeler hat seine aufstrebende Karriere in der Gastronomie gegen die Arbeit vor Halogenlampen im Studio als Influencer eingetauscht. Seinen Food-Media-Account fördert er aus einem bestimmten Grund.

Sandro Zinggeler produziert in seinem Studio in Dübendorf Inhalte für seine Social-Media-Kanäle. Foto: Fiorella Koch

Veröffentlicht am: 14.03.2025 – 10.50 Uhr

Die meisten Menschen, die in sozialen Medien posten, filmen sich selbst mit ihrem Handy. Gerade die niedrige Einstiegshürde hat zum grossen Erfolg von Social Media beigetragen. Viele Influencer konnten allein mit ihrem Mobiltelefon Zehntausende Follower um sich scharen.

Hinter den Kulissen von Food-Influencer Sandro Zinggeler sieht man aber kein Handy und kein billiges Ringlichtstativ. Vielmehr steht er in einem perfekt ausgeleuchteten Studio im Zwicky-Areal in Dübendorf, Lichter und Diffusoren zeigen auf die Show-Küche. Auch filmt Zinggeler sich nicht selbst, ein Kameramann richtet eine professionelle Hochformatkamera samt flauschigem Mikrofon auf ihn.

Auf eine Studioküche sind mehrere Lampen und Diffusoren gerichtet.
Sandro Zinggeler hat nicht an professioneller Ausrüstung für die Aufnahme von Social-Media-Posts gespart. Foto: Fiorella Koch

Denn der in Zürich wohnhafte Sandro Zinggeler ist kein Influencer, der seine Hobby-Videos zum Beruf gemacht hat. Nein, er hatte von Anfang an ein klares Ziel vor Augen: «Ich mache Social Media, um mir Reichweite zu verschaffen. Durch die Online-Präsenz will ich meine kulinarische Werbeagentur ‹foocon› fördern.»

Mit dieser Agentur entwickelt er zusammen mit zwei festen und einigen temporären Mitarbeitern Gastronomiekonzepte, organisiert Events und erstellt Werbevideos für Gastro-Unternehmen.

Die Agentur ist Zinggelers neuestes Unterfangen. Denn mit seinen 34 Jahren hat der gebürtige Rütner schon einiges erlebt: Er absolvierte eine Kochlehre, reiste anschliessend um die Welt und arbeitete in verschiedenen Spitzenrestaurants im In- und Ausland, gewann 2009 die Auszeichnung «Jungkoch des Jahres», war Fernsehkoch und Moderator für verschiedene Sat1-Sendungen, führte ein eigenes Catering-Unternehmen und veröffentlichte ein Buch und einen Podcast. Aktuell arbeitet er neben seiner Agentur für die Sendung «Grill Club» und schreibt Rezepte für die Kulinarik- und Lifestyle-Magazine «Landliebe» und «Marmite».

«Das Essen muss geil aussehen»

Mehr als genug Erfahrung also, um als Food-Influencer erfolgreich zu sein. Auf Instagram veröffentlicht Zinggeler vor allem kurze Hochformat-Videos, sogenannte «Reels». Seinen rund 24’000 Followern kocht er selbst entwickelte Rezepte vor.

Heute steht eine Zwiebel-Tarte auf dem Drehplan. Die Scheinwerfer und Diffusoren wurden angeschaltet, Kameramann und Mit-Koch Leandro Miggiano hält die Kamera gerade, die Aufnahme läuft. Mit ruhigen Händen ordnet Zinggeler die Schalotten, eine Unterart der Zwiebel, in der Teigform an. «Warte mal», sagt er zu Miggiano. Kurz besprechen sie die Anordnung des Gemüses in der Form. Dann drückt der Kameramann wieder auf «Aufnahme».

Sandro Zinggeler rollt einen Mürbeteig aus.

Manchmal müssen sie die Kamera zu Seite legen und warten, zum Beispiel bis der Teig genug gekühlt ist. Foto: Fiorella Koch

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Der Kameramann richtet seine Kamera auf Sandro Zinggeler, der Schalotten in einer Form anrichtet.

Jeder Schritt im Kochprozess wird einzeln gefilmt. Foto: Fiorella Koch

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Sandro Zinggeler ordnet Schalotten in einer Form an.

Damit ihre Inhalte auch Social Media Erfolg haben, müssen sie schön angerichtet werden. Foto: Fiorella Koch

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Sandro Zinggeler rollt vor laufender Kamera einen Mürbeteig aus.

Für hochauflösende Bilder und gute Beleuchtung hat Zinggeler eine professionelle Kamera, Lichter und Diffusoren errungen. Foto: Fiorella Koch

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Sandro Zinggeler rollt einen Mürbeteig aus.

Manchmal müssen sie die Kamera zu Seite legen und warten, zum Beispiel bis der Teig genug gekühlt ist. Foto: Fiorella Koch

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Der Kameramann richtet seine Kamera auf Sandro Zinggeler, der Schalotten in einer Form anrichtet.

Jeder Schritt im Kochprozess wird einzeln gefilmt. Foto: Fiorella Koch

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So arbeiten sich die beiden durch das Rezept. Nach jedem Schritt wird unterbrochen, der optimale Filmausschnitt gesucht und dann weitergefilmt. «Um auf Instagram erfolgreich zu sein, muss das Essen geil aussehen», erklärt Zinggeler.

Und Erfolg ist auch sein Ziel. «Wenn man einen Social-Media-Kanal aufbaut, muss man sich von Anfang an überlegen, wie man eine möglichst gute Schnittstelle für Marken kreieren kann», sagt Zinggeler im Werber-Jargon. Schliesslich könne man in Social Media nur mit Werbung Geld verdienen.

«Im Fernsehen jedoch gibt es immer weniger finanzielle Mittel.» Diese würden in die sozialen Medien verlagert. «Social Media ist zu einer grossen Werbeplattform geworden.»

Er braucht die Klicks also für die Reichweite seiner Agentur, aber auch, um eine Plattform für die Werbung von Unternehmen zu bieten. «Und um diese anzusprechen, müssen die Videos professionell wirken und von gleichbleibend guter Qualität sein», erklärt er.

Deshalb hätten er und Miggiano Kamera- und Videoschnittkurse besucht und sich professionelle Kameras, Licht und Lizenzen für Schnittprogramme zugelegt. Zudem würden sie von den professionellen Fotografen in ihrem Team unterstützt. Und die Zeit und Mühe, die sie seit einem Jahr in den Kanal investieren, habe sich gelohnt: Nicht nur konnten sie die Followerzahl von 2500 auf 24’000 erhöhen, auch würden sie buchstäblich mit Anfragen für Werbe-Kollaborationen überrannt.

Doch Zinggeler lässt sich davon nicht beeindrucken. «Ich arbeite nur mit Marken zusammen, die ich selbst auch gut finde.»

Diese Standhaftigkeit wendet er auch bei der Gestaltung seiner Inhalte an. «Ich folge nicht jedem Food-Trend und rekreiere ihn, um garantiert viral zu gehen», erklärt er. «Um authentisch zu bleiben, koche ich nur, worauf ich Lust habe.» Manchmal hätten sie dann Glück und erreichten viele Klicks, manchmal hätten sie auch Pech.

Es sei ihm wichtig, Rezepte zu kreieren, die auch nachkochbar seien. «Social Media ist für mich nur sinnstiftend, wenn ich meinem Publikum einen echten Mehrwert bieten kann.» Ausserdem müsse er hinter seinen Rezepten stehen können. «Man kennt mich ja schliesslich als Spitzenkoch in der Gastronomie-Szene.»

Ein fairer Tausch: Essen gegen Tattoos

Mittlerweile kitzelt ein köstlicher Geruch nach Zwiebeltarte die Nasen der beiden Köche. Das Gericht ist fertig gebacken. Die Kamera wird wieder in Position gebracht und filmt, wie Zinggeler die Tarte aus dem Ofen holt. Jetzt kommt der Moment, in dem die Form auf den Kopf gekippt wird, um die karamellisierten Schalotten auf der Unterseite zu offenbaren.

Der Kameramann richtet seine Kamera auf Sandro Zinggeler, der Schalotten in einer Form anrichtet.

Jetzt kommt der grosse Moment: Die Kamera muss einsatzbereit sein, bevor Zinggeler die Tarte kippt. Foto: Fiorella Koch

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Sandro Zinggeler holt die Zwiebeltarte aus dem Ofen.

Achtung heiss: Die Zwiebeltarte war 35 Minuten im Ofen. Foto: Fiorella Koch

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Der Kameramann richtet seine Kamera auf Sandro Zinggeler, der Schalotten in einer Form anrichtet.

Jetzt kommt der grosse Moment: Die Kamera muss einsatzbereit sein, bevor Zinggeler die Tarte kippt. Foto: Fiorella Koch

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Sandro Zinggeler holt die Zwiebeltarte aus dem Ofen.

Achtung heiss: Die Zwiebeltarte war 35 Minuten im Ofen. Foto: Fiorella Koch

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«Ich habe Angst», sagt Zinggeler scherzhaft. Schliesslich haben sie nur einen Versuch. Noch einmal wird die Kameraeinstellung überprüft, dann kommt der Moment: Mit einer schnellen Bewegung wendet er die Form. Voilà, die Aufnahme ist im Kasten.

Die fertige Zwiebeltarte auf dem Teller.
Das Rezept für die Zwiebeltarte hat Zinggeler selbst entwickelt. Foto: Fiorella Koch

Die beiden Männer sind erleichtert. Wenn sie miteinander witzeln, verfallen sie in einen scherzhaften Thurgauer Dialekt. Für Social Media filmen die beiden etwa einmal pro Woche für einen ganzen Tag und produzieren drei bis vier Videos. Die Rezepte dafür entwickelt Zinggeler im Kopf und verbessert sie dann während des Drehs, bevor sie zweimal pro Woche gepostet werden.

Haben sie fertig gekocht, bringen sie das Essen oft in den benachbarten Tattoo-Shop. Die Tätowierer würden sie dafür ab und zu gratis tätowieren. «Im Zwicky-Areal herrscht ein reger Austausch. Wir befinden uns in einer kreativen Bubble», so Zinggeler.

Social Media ist für ihn Arbeit

So sehr er seine Arbeit mag, der Fokus auf die sozialen Medien hat auch ihre Schattenseiten. «Der Druck, ständig und in guter Qualität in den sozialen Medien zu posten, hat mich anfangs gestresst», sagt Zinggeler. «Ausserdem kann es sehr frustrierend sein, wenn man sich viel Mühe mit einem Video gegeben hat, und es dann nur wenige Klicks generiert.» Er habe lernen müssen, sich davon zu distanzieren. «Jetzt nehme ich Social Media nur noch als Arbeit wahr. Seitdem belastet das mich nicht mehr.»

Zinggeler will auch in Zukunft noch weiter auf Social Media wachsen. Sein Ziel auf Instagram sind 50’000 Follower. Er will beginnen, auf Youtube zu posten, und auf Tiktok möchte er 10’000 Follower erreichen.

Übertreiben will er aber nicht: «Wir haben jetzt schon fast Probleme mit dem Wachstum der Agentur. Ich will spontan bleiben und die acht Wochen Betriebsferien beibehalten können.»

Superhelden-Pose für die Zwiebeltarte

Um Ferien geht es im Studio allerdings gerade nicht. Sondern darum, das Video über die Zwiebeltarte abzuschliessen. Dafür fehlt noch eine Szene, in der Zinggeler das Gericht probiert. Er schneidet sich ein kleines Stück ab, steckt es in den Mund und macht ein theatralisches «Mmmh». Danach dreht er sich um und macht eine dynamische Superhelden-Pose in die Kamera.

Miggiano ist aber noch nicht zufrieden. Also muss Zinggeler noch einmal einen Biss nehmen, theatralisch «Mmmh» seufzen und sich noch einmal in Pose werfen. Dieses Mal wird die Szene abgesegnet.

Sandro Zinggeler probiert von seiner Zwiebeltarte.
Der beste Teil vom Studio-Tag: das Probieren. Foto: Fiorella Koch

Jetzt müssen sich die beiden Männer einen guten Spruch für die erste Seqenz des Videos ausdenken, der die Aufmerksamkeit des Zuschauers packt. Diskutiert werden «Dieses Gericht wird dich an die Wand tarten» und «Ich habe die Tarte aller Tarten gebacken».

Sie einigen sich auf: «Diese Zwiebeltarte wird dich umhauen!» Nach dem Filmen schnappen sie sich das Gericht und Besteck und machen sich auf den Weg in den benachbarten Tattoo-Shop, um die Tätowierer mit ihrer Tarte zu beglücken.

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